Kommentar zu: "Adieu, Aufklärung - hallo, Bevormundung!"


Dieser Post ist ausnahmsweise wieder mal auf Deutsch, da es sich hierbei um einen möglicherweise etwas zu lang geratenen Kommentar zum Artikel Adieu, Aufklärung - hallo, Bevormundung! handelt.

Grundsätzlich stimme ich dem Artikel zu, auch dem Fazit.

Sagen wir besser «hallo, Aufklärung - adieu, Bevormundung!» und bedienen uns ganz im Sinne Kants wieder unseres Menschenverstandes «ohne Anleitung eines anderen». Übernehmen wir besser wieder Eigenverantwortung mit allen Risiken und Nebenwirkungen und denken immer daran, dass die Freiheit des anderen immer auch die eigene Freiheit ist.

Im Artikel geht es um den Verstand bzw. die Vernunft nach Immanuel Kant.

[Kant] definierte den Verstand als das an Sinneseindrücke gebundene [...] Erkenntnisvermögen.
Die (theoretische) Vernunft ist nach Kant die Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen, sich selbst zu prüfen und unabhängig von der Erfahrung zu den apriorischen > Vernunftsideen (Seele, Gott, Welt) zu gelangen (Zitat Wikipedia)

Nun wissen wir zwar, was Vernunft ist, aber so einfach ist es dann doch nicht. Wie die Geschichte gezeigt hat, ist es doch etwas komplizierter als einfach zu sagen "Wir bedienen uns jetzt unseres Verstandes!".
Schon in der Zeit der Aufklärung bestand ein ähnliches Problem. Viele Leute fanden es einfach bequemer, sich regieren zu lassen als selbst Initiative zu ergreifen.
Damals gab es glücklicherweise aber genügend Leute, die meinten, Verstand zu besitzen und gewillt waren, etwas zu verändern.
Aber gut, damals waren die Einschränkungen auch durchaus anderer Art. Die Nicht-Freiheit griff damals bis tief ins Privatleben ein (u.a. Kleiderordnungen, Leibeigenschaft).
Heute sind es eher Detailfragen, die reglementiert werden wollen. Ob der Alkoholverkauf von 22-6 Uhr jetzt verboten ist, oder nicht, ist nicht wahnsinnig entscheidend für's Leben. Sich morgens um 3 ein Bier zu kaufen ist eher ein Seltenfall (für die meisten).
Anderenfalls kann man im Gegensatz zu den damaligen, unausweichlichen Einschränkungen doch an sein Bier kommen, in dem man früher in den Laden geht.

Allgemein gesagt, kann man sich auch nicht einfach so seines Verstandes bedienen (wie es der Artikel rüberbringt), da dies voraussetzt, dass man überhaupt Verstand besitzt und in der Lage ist, vernünftig zu handeln.
Vor einem Vierteljahrtausend gab es nur wenige, die überhaupt irgend eine Ausbildung genossen und folglich gab es auch nur wenig Leute mit Verstand.

Heute hat zwar jeder mal die Schule zu besuchen, aber führt das automatisch zu Vernunft?
Ich wage zu behaupten, dass auch heute nur die wenigsten Leute wirklich Verstand besitzen.
Verstand ist etwas, das man nicht einfach lernen kann, wie Grammatik-Regeln.
Verstand muss erarbeitet werden!

Um Verstand erarbeiten zu können, braucht es einen Anstoss von aussen, ausserdem ist es wichtig, eine Ausbildung genossen zu haben, die es einem erlaubt, (kritisches) Denken zu fördern.
Erst durch kritisches Denken ist es möglich, Vernunft und Verstand zu trainieren.
Aber wo sollen die Menschen denn die Gabe des kritischen Denkens erhalten, wenn nicht in der Schule?

Aber in der Schule wird einem genau das Gegenteil eingetrichtert. In der Schule lernen die Kleinen, ruhig dazusitzen, auch wenn sie lieber draussen spielen würden, sie lernen den Anweisungen des Lehrers Folge zu leisten, nur zu sprechen, wenn sie gefragt werden.
Der Stoff, der ihnen vermittelt wird, ist nicht zu hinterfragen, denn für die nächste Prüfung heisst es, diesen Stoff auswendig zu lernen und dann wiederzugeben. Mit Antworten, die sich nicht ausschliesslich auf den Stoff beschränken oder über den Stoff hinausgehen haben leider viele Lehrkräfte Mühe.

Und nach der Schule gibt es noch Hausaufgaben zu erledigen, um "den Stoff zu festigen" heisst es oft.
Aber aus eigener Erfahrung ist es oft so, dass man den Stoff eh schon beherrscht und die Hausaufgaben nur qual sind oder man den Stoff eben nicht beherrscht und die Hausaufgaben nicht lösbar sind.

Schule ist auch überhaupt nicht individualisiert. 20 Menschen erhalten den selben Stoff zur selben Zeit, ohne Rücksicht auf persönliche Präferenzen, Neigungen, etc.
Die Schüler müssen ja verglichen werden können.
Ein Schüler ist besser als ein anderer, weil er bei den Prüfungen Lösungen hingeschrieben hat, die eher den Erwartungen des Lehrers entsprechen als ein anderer.
Die Schüler lernen, deren Lehrkräfte zu durchschauen und so zu lernen, dass bei der Prüfung eine gute Note herausschaut.
Ob der Stoff nachher beherrscht wird, ist dezentral, denn die Prüfung ist erledigt.

Bereits von klein auf wird uns beigebracht, dass wir das zu tun haben, was uns von oben gesagt wird, dann wann es uns gesagt wird, so wie es uns gesagt wird.
Und damit das auch ja in den Köpfen bleibt, müssen von jedem und jeder 9 Jahre Pflichtschule abgesessen werden.
Woher soll denn daraus Verstand hervorgehen?
Nirgends im Schulsystem wird kritisches Denken gefördert und ein Anstoss gegeben, sich vernünftig zu verhalten.
In der Schule werden wir stattdessen auf ein zukünftiges Leben aus Verboten vorbereitet. Wen wundert es, dass dann nur noch alle nach Verboten schreien?

Dass viele Schüler überfordert sind, mitzudenken oder selbst einmal etwas zu erarbeiten, zeigt sich bei den leider zu seltenen Gruppenarbeiten.
Die Schüler werden zusammengewürfelt in eine Gruppe gesteckt und sie haben zusammen einen Auftrag zu erfüllen.
Eigentlich sollten Schüler dadurch lernen, zusammen in einem Team etwas alleine zu schaffen. Aber klappen tut dies selten.

Aber es sind nicht nur immer die Schulen Schuld. Oftmals macht man es sich einfach zu einfach, wenn immer die Schulen die Suppe auslöffeln müssen.
Wo im Alltag wird denn Verstand von uns verlangt?

Nur schon alleine die Tatsache, dass Werbung so beliebt ist, zeigt doch schon, dass Verstand ein seltenes Gut ist.
Manchmal muss man sich schon Sorgen machen, auf was für Lügen Werbesprüche Leute so reinfallen.

Von der Seite der Wirtschaft wird Verstand definitiv nicht von den Leuten gefordert.
Hätten die Leute Verstand, könnten sie besser abwägen, welches Produkt sie brauchen und welches nicht.
Aber will das jemand? Natürlich nicht. Die Leute sollen kaufen und nicht nachdenken!

Auch in der Politik hat man es bequemer wenn die Leute sich nicht ihres Verstandes bedienen.
Leute mit Verstand würden politische Entscheidungen hinterfragen und falls nötig ihren Unmut ausdrücken.
Aber dies macht die Leute unberechenbar.
Berechenbar ist aber viel einfacher. So kann durch geschicktes Verhalten praktisch jeder Entscheid durchgebracht werden, denn es wird sich nie jemand gegen die Politik auflehnen.

Wenn weder von der Seite der Politik noch von der Wirtschaft Verstand gefordert wird, wieso sollte den Leuten denn der Anstoss zu kritischem Denken und damit zu Verstand und Vernunft vermittelt werden?
Es ist unsere Aufgabe, zu fordern, dass Verstand gefördert wird!
Es ist die Aufgabe von JEDEM EINZELNEN und nicht nur vom Nachbar!


written by: Takashi Yoshi
Tags: opinion